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Desinfektionsmittel: Nehmen wir zu viel?

Zunehmend mehr Menschen benutzen antibakterielle Gels und Tücher. Experten halten diese großteils für überflüssig. Sie sagen: Händewaschen genügt
von Silke Droll, 10.02.2017

Potenzielle Infektionsquelle: In der U-Bahn können Keime lauern

Uwe Niehuus, W&B

Den Öffnungsknopf an der Straßenbahn drücken, sich an der Stange im Bus festhalten, einen Bekannten am Bahnhof mit Handschlag begrüßen, der Bäckerei-Verkäuferin Münzen geben – und dann unterwegs ein belegtes Brötchen essen? Man ist doch mit so vielen Viren und Bakterien in Berührung gekommen!

Zu Hause würde man sich erst einmal die Hände waschen. Das geht jetzt aber nicht. In solchen Situationen greifen mittlerweile viele zu einem antibakteriellen Handgel, verreiben die schnell trocknende Flüssigkeit auf den Fingern und fühlen sich anschließend sicherer. Reinigungsfläschchen und -tücher passen in jede Handtasche. Bei einer repräsentativen Umfrage des Wort & Bild Verlags gaben immerhin 24,3 Prozent der Bundesbürger an, dass sie stets desinfizierende Tücher dabeihaben, wenn sie unterwegs sind.

Auch der Handlauf an der Rolltreppe kann mit Keimen verunreinigt sein

blickwinkel, W&B

Händewaschen ist oft die bessere Lösung

Doch Hygiene-Experten sehen den Einsatz antibakterieller Gele und Feuchttücher kritisch. "Im Alltag ohne spezielle Infektionsrisiken reicht das Händewaschen aus. Damit werden viele Keime einfach mechanisch weggespült", sagt etwa Dr. Jürgen ­Gebel, Abteilungsleiter der Desinfektionsmitteltestung am Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn.

Auch wer länger mit Bus und Bahn unterwegs sei, müsse währenddessen nicht zum antibakteriellen Handgel greifen. Gebel: "Achten Sie lieber darauf, sich mit den Händen nicht an Mund oder Augen zu fassen."

Auf Fernreisen sind Desinfektionsmittel eher wichtig

Gute Gründe für den Einsatz eines desinfizierenden Gels oder Tuchs gibt es dem Experten zufolge allenfalls auf Fernreisen: "In heimischen Gefilden sind wir angepasst. Aber mit den Mikroorganismen etwa in Asien und Afrika muss sich unser Darm erst auseinandersetzen. Da sind wir empfindlicher." Ein besonderes Risiko bestehe außerdem, wenn jemand Kontakt mit Kranken hatte, von einem Hund abgeleckt wurde oder auf der Toilette war – ohne sich anschließend die Hände waschen zu können.

Für Situationen wie diese rät Gebel zu ­einem Produkt, das der Verbund für An­gewandte Hygiene (VAH) als hygienisches ­Händedesinfektionsmittel zertifiziert hat und dessen Wirkung somit getestet wurde: "Am besten, man fragt in der Apotheke nach einem VAH-geprüften Produkt. Dort weiß man darüber Bescheid." Die Anzahl VAH-zertifizierter Handgele ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. "Dieser Trend kommt aus den USA. Vor zehn Jahren hätte man in Deutschland so etwas nicht verkaufen können", sagt Gebel.

Richtig Händewaschen

Er selbst sei weiterhin stets ohne Desinfek­tionsmittel unterwegs und findet: "Richtiges Händewaschen reicht." Dazu die Hände gründ­lich einseifen, unter fließendem Wasser abspülen und mit einem sauberen Handtuch abtrocknen. Alles zusammen sollte mindestens 20 Sekunden dauern, dann sind die meisten Viren und Bakterien beseitigt.

Absolute Keimfreiheit lässt sich übrigens auch mit Hygiene-Gelen und Tüchern – ob geprüft oder ungeprüft – nicht erreichen. Zwar habe der üblicherweise enthaltene Hauptbestandteil Alkohol eine antibakterielle Wirkung, aber die Konzentration könne für manche Keime zu niedrig sein, erläutert Dr. Christian Brandt, leitender Krankenhaushygieniker des Universitätsklinikums Frankfurt. Es gebe Bakteriensporen und Viren, die sich so nicht unschädlich machen lassen. Möglicherweise würden beispielsweise Noroviren überleben, die Brechdurchfall verursachen.

Manche Inhaltsstoffe machen die Haut durchlässiger

Die antibakteriellen Gele bergen noch ein anderes Risiko. Sie können die Haut austrocknen oder zu Hautschäden führen. Umfassende Studien zu diesen Auswirkungen gibt es zwar noch nicht, doch bei einem 2015 durchgeführten Test von 24 antibakteriellen Produkten, darunter Handgele und -tücher, fand das beauftragte Labor in mehreren Fällen Inhaltsstoffe, die die Haut durchlässiger machen und Allergien auslösen können. In einem antibakteriellen Allzwecktuch wurde etwa Diethylphthalat (DEP) nachgewiesen, das den Schutz­mechanismus der Haut beeinflusst und im Verdacht steht, wie ein Hormon zu wirken.

"Wer sich unbedingt desinfizieren will, sollte ein professionelles Mittel nehmen, wie es in Krankenhäusern benutzt wird", empfiehlt Hygieneexperte Brandt. Darin seien keine Farb- und Parfümstoffe enthalten und außerdem weniger möglicherweise allergieauslösende Zusatzstoffe.

Viele Mittel sehen Experten als entbehrlich an

Auch Verbraucherschützer sehen die Gele und Tücher kritisch. "Der Markt quillt über von Produkten, die die Welt nicht braucht. Diese Dinge kosten Geld und können sogar eine schädliche Wirkung haben. Wenn wir immer alles abtöten, wird unser Immunsystem nicht geschult", meint Dirk Petersen, Umwelt- und Produktberater bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Zudem belasten die Herstellung und Entsorgung die Natur. Seine Einrichtung hat deswegen eine "Liste der überflüssigen Desinfektionsmittel" erstellt – und die ist ziemlich lang.



Bildnachweis: blickwinkel, W&B, Uwe Niehuus, W&B

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